Pilotwale La Gomera

Warum gibt es so viele Wale und Delfine bei den Kanaren?

Ein inspirierender Gastbeitrag vom Meeresbiologen Volker Boehlke

Die Gewässer zwischen La Gomera und Teneriffa sind zum Whale Heritage Site ausgerufen worden. Viele Vertreter des lokalen Tourismus haben sich diese „Zertifizierung“ gleich angezogen, als hätten sie dazu beigetragen, dass es hier so viel zu sehen gibt. Dabei sind es ganz besondere Bedingungen, die hier zusammenspielen, und es uns ermöglichen, nach einer Walbeobachtung viele sehr zufriedene Gäste wieder an Land bringen zu können.

 

Die flinken Fleckendelfine, akrobatische Tümmler, die scheuen Schnabelwale, scheinbar ruhige Pilotwale, makrelenfressende Brydewale oder mächtige urige Pottwale, alle sind ganzjährig hier vertreten und in der offiziellen Liste werden 26 verschiedene hier „auftauchende“ Vertreter von Walen und Delfinen genannt.

Wer nur die „kurze“ Antwort möchte, dem könnte man, sehr grob, 4 Aspekte nennen:

1.) Die Position an der Route der wandernden Arten: Die Kanaren liegt auf der Zugroute der Blau- und Buckelwale zwischen den Kapverden und den kalten Sommerweidegebieten in nördlichen Breiten.

delfine kanaren (Teneriffa)

2.) Die Position zwischen nährstoffreichem afrikanischem Kaltwassergebiet und dem tiefen, offenen Ozean. Die durchschnittliche Wassertemperatur im Westen der Kanaren liegt 4 Grad über jener der östlichen Küsten. Kaltwasserarten, wie Minkwale, findet man entsprechend eher in der Nähe der afrikanischen Küste und diejenigen, die kuschelig warmes Wasser vorziehen, wie Rauzahndelfine, weiter im Westen, bei La Gomera. Da der Flachwasserbereich in kurzer Distanz zur Küste schnell in große Tiefen abfällt, finden wir neben den sowieso vorkommenden auch tieftauchende Arten wie Rundkopfdelfine, Pottwale, Schnabelwale und Pilotwale. Hier leben sie unter besten Bedingungen ständig, sind resident, an der flachen afrikanischen Küste oder auch in der flachen Nordsee sucht man die wohl vergeblich.

3.) Geringe Bevölkerung, keine Schleppnetzfischerei. Hier leben verhältnismäßig wenige Menschen zwischen riesigen Wassermassen. Der Mensch brachte und bringt über Walfang, Wasserverschmutzung, Fischerei (Nahrungskonkurrenz und direkte Probleme) sowie Kollisionen mit Schiffen und Fähren viele Arten an ihre Grenzen. Auf den Kanaren hat es in der Geschichte nur sporadische Jagd auf Pottwale und Tümmler gegeben, ausgedehnte und reichhaltige Flachwasserzonen sind rar und Schleppnetze können auf unregelmäßigem oder/und tiefem vulkanischen Meeresgrund nicht eingesetzt werden. Dazu ist die Selbstreinigungskraft im ausgedehnten, tiefen und bewegten Meer um die Kanaren sehr groß, das Wasser ist also relativ sauber.

4.) Unter besonderen ozeanografischen Bedingungen temporär begrenzt auftretende Fischschwärme ziehen einen ganzen Rattenschwanz an großen Räubern hinter sich her. Hier tauchen dann Brydewale, Seiwale, Finnwale, Fleckendelfine, gemeine Delfine, Streifendelfine und andere auf. Zum Beispiel in rechtsdrehenden Strömungswirbeln, in denen sich Plankton in großer Dichte konzentriert. Dazu erleben wir gelegentlich ganze Jahre mit großer Diversität und einmaligen Begegnungen. 2005 hatten wir mit einem Sprecher der Umweltschutzorganisation Ben Magec einen besonderen Gast an Bord, der aus dem Staunen nicht mehr herauskam: 7 verschiedene Arten durfte er beobachten.

Durchschnittlich 2 – 3 verschiedene Wal- und Delfinarten pro Ausfahrt

Dabei sind einige Arten fast unmöglich zu beobachten; Zwergpottwale sind sehr scheu, Nordkaper extrem selten und Cuvier-Schnabelwale führen einfach ein sehr unauffälliges Leben. Durchschnittlich begegnen wir auf einer Fahrt 2 – 3 verschiedenen Walen oder Delfinen und die eben genannten sind eher selten dabei.

 

Jede Art hat dabei andere räumliche und zeitliche Vorlieben, alle stellen sie völlig unterschiedliche Ansprüche an ihre Umgebung. Der wirkliche Hintergrund ist immer ein Zusammenspiel aus unterschiedlichen Faktoren. Das möchte ich Ihnen an der hier am häufigsten gesichteten Art der Pilotwale darstellen.

Pilotwale La Gomera

Ein Pilotwal

Die tropische Variante der Pilotwale, auch Kurzflossengrindwal genannt (Globicephala macrorhynchus), findet hier perfekte Lebensbedingungen. Für ihn sind vor Allem zwei Aspekte maßgeblich: Windschatten und Wassertiefen. Um das zu verstehen, muss man aber ihren Lebensraum und ihre Lebensweise kennen.

Pilotwale sind Sprintjäger, die mit Tauchgängen bis in durchschnittlich 700 Meter Tiefe in großer Geschwindigkeit (bis 30 km/h) flinke Beute jagen, meist Kalmare mittlerer Größe. Das geht natürlich nur in Wassertiefen, in denen diese vorkommen. Wir fahren vor Valle Gran Rey durchschnittlich 3,5 Meilen weit raus, dort ist das Wasser etwa 1000 m tief. Im Nordwesten liegt diese Tiefe aber deutlich weiter draußen, als im Süden der Insel. Müssten wir soweit hinausfahren, wie die norwegischen Walbeobachter, um zu ihren Pottwalen zu kommen, hätte sich niemals eine so große Walbeobachtungsindustrie ausbilden können.

Dabei verbringen sie sportliche Meisterleistungen. Wer mal versucht hat, beim Freitauchen auch noch Gas zu geben, weiß das. Dazu kommt, dass in dieser Tiefe der Druck 80-fach über dem der Wasseroberfläche liegt und die Wassertemperatur bei 10 °C.

Pilotwale brauchen lange Ruhephasen, bestenfalls in geschützten Zonen, wo die Erholung effektiver ist

Diese Jagd-Strategie ist so energieintensiv, dass sie lange Phasen dösend an der Wasseroberfläche verbringen, um in dieser Zeit ihrer Verdauung nachzugehen und ihre Sauerstoffvorräte wieder aufzufüllen. Wo geht das wohl besser, als im Windschatten einer Vulkaninsel, auf der dann auch noch der Wind regelmäßig aus der gleichen Richtung bläst?

Geht man generell davon aus, dass sich Wale oft zwischen unterschiedlichen Nahrungsaufnahmegebieten oder zwischen denen und ihren oft Tausende von Kilometern entfernten Fortpflanzungsarealen bewegen, haben die Pilotwale den Lottogewinn erwischt, denn hier können sie beides. Vulkaninseln im Ozean zeigen auch unter Wasser so schnell bis in große Tiefen abfallende Hänge, dass die Windschattenzonen (neben den Ruhephasen auch wichtig für eine erfolgreiche erste Phase der Aufzucht der Nachkommen) sich in ausreichendem Masse mit tiefem Wasser mit Nahrungsvorkommen deckt.

So können sie immer (mehr oder weniger) an einer Stelle bleiben und damit sehr viel Energie sparen.

Da sich die Ruhezonen der Pilotwale mit den bestmöglichen Bedingungen für eine entspannte Zeit auf dem Boot decken, bekommen unsere Besucher den Eindruck, unser Meer wäre eine fischreiche Badewanne voller zufrieden dösender Wale.

Die Betreiber des Whale Heritage Sites erstellen eine Liste von Booten die sich bei den Tieren respektvoll verhalten und die lokalen Regeln einhalten. Diese wird in Zukunft in jedem Hafen ausgestellt. Vielleicht entscheiden Sie sich ja für ein respektvolles Beobachtungsboot.

Autor: Volker Boehlke, Gomera Vive

Meeresbiologe Volker Boehlke
Whale Watching an der Küste von Valle Gran Rey

Über den Autor

Volker Boehlke

Volker Boehlke ist einer der führenden Meeresbiologien auf den Kanaren und er liebt seine „Viecher“ – wie er sie liebevoll nennt. Auf Volkers Website finden Sie spannende Hintergrundinformationen über die Meeressäuger bei den Kanaren, deren Lebensraum, spannende Beiträge über die Insel und die einmalige Natur La Gomeras. Zudem kann man auch geführte Wanderungen und Whale Watching Ausfahrten bei Volker buchen. Zwischendurch bietet er auch sogenannte Ökotouren an – eine Whale Watching Tour mit Unterwassermikrofon, Kamera & Meeresbiologischer Begleitung – lassen Sie sich das nicht entgehen!

Das Meer - überraschende Fakten

Ein Wal

Unsere Ozeane sind durchschnittlich 3,7 Kilometer tief! Über 30% liegen sogar in einer Tiefe von geschätzten 4-5 Kilometern.

Rund 71% der Erdoberfläche ist mit Wasser bedeckt und nur 29% bestehen aus Landmasse. Und Meeresflora produziert ungefähr 70 Prozent des Sauerstoffes auf der Erde.

Der Salzgehalt unserer Meere liegt bei 3,5 Prozent und ist somit nicht zum Trinken geeignet.

Unser unbeliebter „Freund“ die Qualle lebt schon über 500 Millionen Jahren im Meer. Und auch auf La Gomera gibt es giftige Quallen – die Portugiesische Galeere

Die tiefste uns bisher bekannte Stelle in unseren Ozeanen ist der Marianengraben (oder auch Marianenrinne), welche im Pazifik liegt. Hier geht es auf eine Tiefe von geschätzten 11.034 Metern runter – das ist mehr als 11 Kilometer.

Wie groß sind unsere Ozeane?

Südsee (21.960.000 Quadratkilometer)

Arktischer Ozean (15.558.000 Quadratkilometer)

Atlantik (85.133.00 Quadratkilometer)

Pazifik (168.723.000 Quadratkilometer)

Indischer Ozean (70.560.000 Quadratkilometer)

Die Existenz sogenannter Monsterwellen konnte erst 1995 wissenschaftlich bewiesen werden. Bis dahin galten die bis zu 25 Meter hohen Wellen als Seemannsgarn.

Insgesamt hat das Meer ein Volumen von 1,338 Milliarden Kubikkilometer. Das sind über 96% des gesamten Wasservorkommens auf der Erde. Und 95% der Weltmeere sind noch unerforscht. Wir können auf den Mond fliegen, wissen aber nicht, was direkt unter unseren Füßen passiert.